Freitag, 1. Dezember 2017

1. Dezember- Weltaidstag


Willkommen zum diesjährigen Adventskalender auf meinem blog. 
Es wird wieder eine regenbogenbunte Mischung geben. 
Ich habe mir auch ein bisschen Verstärkung in Form von Gastbeiträgen geholt und bin sehr gespannt darauf, ob und wie euch der Kalender gefallen wird. 

Hinter dem ersten Türchen verbirgt sich auch in diesem Jahr der Weltaidstag.
Positiv zusammenleben, keine Ausgrenzung, keine Stigmatisierung ... Das sind Wünsche und Hoffnungen, die umgesetzt und gelebt werden sollten.
Die Realität sieht jedoch noch deutlich anders aus:

  • 11% würden mit HIV-Positiven nicht zusammen Fußball spielen,
  • 14% sich nicht in der selbigen Arztpraxis behandeln lassen,
  • 15% einem Positiven keine Umarmung geben,
  • 16% würden sich schämen, wenn jemand HIV-positiv in der eigenen Familie ist,
  • 21% nicht die selbigen Sportgeräte im Fitnessstudio benutzen,
  • 27% würden nicht die selbe Toilette benutzen,
  • 31% möchten möglichst nicht mit dem Thema HIV /AIDS in Berührung kommen,
  • 33% sind der Meinung: "Haben selbst Schuld",
  • 34% nicht das selbe Geschirr verwenden,
  • 52% wissen nicht, das HIV heute eine chronische behandelbare Infektion ist,
  • 55% würden keinen HIV-Positiven küssen,
  • 56% denken, über HIV-Positive wird allgemein schlecht geredet,
  • 71% wissen nicht, das mit der gegenwärtigen HIV-Behandlung, der Sex ohne Kondom nicht mehr ansteckend ist,
  • 75% würden nicht mit jemanden Sex mit KONDOM haben, obwohl sie sich mögen und von der/m sie wissen, daß er/sie positiv ist.
(Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung - BZgA: Repräsentative Bevölkerungsbefragung anlässlich des Welt-AIDS-Tages 2017, 30.11.2017)

Auch wenn mein Beitrag vermutlich eher klein ist, so werde ich jedoch nicht müde, mit den Leuten über HIV und Aids zu reden und aufzuklären. Es gibt noch so viele Menschen, deren Bild von HIV und Aids sich seit den 90-iger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht geändert hat. Vermutlich kennt nahezu jede den Film "Philadelphia". Die Bilder von Tom Hanks haben sich tief ins Gedächtnis gebrannt, doch das ist längst nicht mehr die einzige Realität. HIV-Positive Menschen haben dank der Medikamente eine nahezu normale Lebenserwartung. Sie übertragen, sobald das Virus im Blut unter der Nachweisgrenze ist, kein HIV mehr. Es hat sich so viel getan und trotzdem gibt es immer noch viel zu viele Menschen, die in Panik geraten, sobald sie erfahren, dass jemand HIV-positiv ist.

Positiv zusammenleben, keine Angst voreinander haben, sich informieren, Fragen stellen, gemeinsam glücklich sein, lachen und lieben ...

Bevor ich hier noch pathetisch werde, verbirgt sich hinter dem ersten Türchen auch noch etwas zum  (hoffentlich) Genießen. Ich habe eine kleine Geschichte für euch. Geplant sind vier Kapitel, aber meine Muse ist ja immer ein bisschen schwierig.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen, zeigt Schleife und habt einen schönen Tag!



Mehr als eine Umarmung

Kapitel 1 (unkorrigiert)

„Alles in Ordnung?“
„Hm.“ Nervös fahre ich mit einer Hand durch meine Haare und schaue mich auf dem Platz um, den wir für die Aktion ausgewählt haben. Es ist später Vormittag. Die meisten Stände und Buden auf dem Weihnachtsmarkt haben erst vor wenigen Minuten aufgemacht. Der Geruch von Holzkohle, die gerade entzündet wurde, dringt mir in die Nase. Viele Menschen sind noch nicht vor Ort, aber das wird sich vermutlich bald ändern. 
Weihnachtliche Musik beschallt den Platz, aber ich verstehe kaum etwas, denn das Blut rauscht in meinen Ohren. Ich kann nicht abschätzen, was gleich passieren wird und das macht mich verdammt nervös. Ergeht es mir so, wie den Männern in den Videos oder werde ich hier eine ganz andere Erfahrung machen? Was passiert, wenn mich jemand erkennt? Darüber hätte ich wohl nachdenken sollen, bevor ich mich auf diese verrückte Idee eingelassen habe.
„Du musst dir echt keine Sorgen machen. Wir sind in der Nähe und Markus filmt die ganze Zeit.“
Ella lächelt mich aufmunternd an. Es war ihre Idee. Vielleicht sind wir auch irgendwie gemeinsam darauf gekommen. Zuerst war es nur eine alberne Spinnerei, ein bisschen zu viel Alkohol und so ein frustrierendes Gefühl, dass man doch mehr machen müsste. Ich weiß nicht welcher Teufel mich geritten hat, als ich schließlich zugesagt habe. Ella war von da an nicht mehr zu bremsen und hat alles organisiert. 
Je näher das Datum rückte, umso unsicherer wurde ich. Im Gegensatz zu Ella, die aufgeregt und hibbelig und voller Vorfreude den heutigen Tag kaum erwarten konnte. Nun ist es zu spät, um einen Rückzieher zu machen. Eigentlich bin ich auch neugierig darauf, was gleich geschehen wird. Andererseits würde ich mich jetzt gern von hier wegbeamen oder wenigstens mit Markus tauschen. Eine Stunde … Die Zeit wird hoffentlich irgendwie schnell vorübergehen.
„Ich werde es überleben“, behaupte ich mit einem schiefen Grinsen. Jedenfalls hoffe ich das. Markus zeigt einen Daumen voller Enthusiasmus nach oben und beschäftigt sich dann wieder mit seiner Kamera. 
Ich betrachte ihn skeptisch. Sollte mir etwas passieren, kann ich von ihm vermutlich die wenigste Hilfe erwarten. Er ist kaum einen Meter siebzig und trägt vermutlich zero als Kleidergröße. Natürlich könnten ungeahnte Kräfte in ihm schlummern, aber ich habe da berechtigte Zweifel. Mit Ella sieht es auch nicht wirklich besser aus. Allerdings kann sie durchaus zu einem bissigen Kampfhund mutieren. Sollte ich angegriffen werden, würde sie sich sicherlich kopflos auf die Person stürzen. Muss ich wirklich mit einer derartigen Reaktion rechnen? Die Zeiten von „Philadelphia“ sind doch längst vorbei, allerdings scheint ein Großteil der Bevölkerung das nicht zu wissen. Oder doch? Wird alles ganz easy und ich stelle mich nur so dämlich an? Meine Beine zittern und mir ist schlecht. Ich bin überhaupt nicht mehr fähig einen klaren Gedanken zu fassen.
Ich schlucke schwer. Es ist absurd. Was habe ich mir nur dabei gedacht, mitzumachen? Ich werde mich gewissermaßen vor der Welt outen. Zumindest dem Teil der Welt, der sich hier vor Ort befindet und natürlich auch diejenigen, die sich später das Video im Internet anschauen. Eigentlich geht es niemanden etwas an. Bisher habe ich auch kaum jemanden davon erzählt, nur wenn es nötig war. Selbst bei den wenigen Malen, die ich an einem anonymen Sexdate interessiert war, habe ich geschwiegen, weil wir Kondome benutzt haben und es auch zu keiner Situation kam, die in irgendeiner Weise als gefährlich hätte eingestuft werden können. Davon abgesehen, dass ich das Virus gar nicht mehr übertragen kann. Trotzdem geht dieser Gedanke, dass ich eine Gefahr für andere Menschen sein könnte, aus meinem Kopf nicht mehr heraus. Vielleicht mache ich auch deshalb hier mit, um mir selbst zu beweisen, dass es von anderen Leuten nicht so empfunden wird. Oder eben doch … 
Ich seufze schwer und versuche den Anflug von Panik unter Kontrolle zu halten. Meine Eltern kennen meinen Status ebenfalls. Zuerst waren sie geschockt. Meine Mutter hat geheult und mein Vater einige Tage nicht mit mir geredet. Schließlich haben wir uns zusammengerauft. Sie haben sich im Internet und sogar beim Hausarzt, der erstaunlich gut Bescheid wusste, informiert. Jetzt ist unser Verhältnis wieder wie vorher. Sie lieben mich, ebenso wie ich sie. Ich bin ihnen unendlich dankbar dafür, dass sie immer an meiner Seite stehen. Allerdings habe ich keine Ahnung, was sie von dieser Aktion halten würden.
Ein paar gute Freunde, wie Ella und Markus wissen es ebenfalls. Skeptisch schaue ich die kleine Frau an, die aufgeregt in ihrer Tasche wühlt. Wie konnte sie mich nur dazu überreden? Die Antwort darauf ist allerdings ziemlich simpel. Ihr Argumentationstalent ist legendär. Sie kann dich mit Worten um den Finger wickeln und es am Ende so darstellen, als wenn es gar keine anderen Alternative gäbe. Weg mit dem Stigma, raus in die Öffentlichkeit … Wir müssen was tun! Aber am Ende bin ich derjenige, der diese Aktion durchziehen muss, der sich entblößt und fremden Menschen eine Angriffsfläche bietet.
Meine Beine halten mich kaum noch aufrecht, als Ella mit dem Schal kommt. Ich wünschte, ihr Optimismus wäre ansteckend, denn aus irgendeinem Grund sehe ich mich tatsächlich schon auf dem Weg in die Notaufnahme.
„Wirklich, du musst dir keine Sorgen machen. Wir haben alles im Griff.“
„Okay“, nuschle ich mit trockenem Mund. Ich muss mich ein wenig nach vorn beugen, damit sie meine Augen mit dem Schal verdecken kann. Ich schließe die Lider, versuche ruhig zu atmen, aber mein Herz klopft wie verrückt in der Brust und mein Puls rast davon. Wo ist die Gelassenheit, wenn man sie braucht? Tausend Gedanken fahren Achterbahn in meinem Gehirn. Das schwindlige Gefühl verstärkt sich, sodass mir ganz flau im Magen wird. Der Drang, mich zu übergeben, wird übermächtig.
„Alles klar?“, fragt Ella und haucht mir einen Kuss auf die Wange. „Das wird so genial“, behauptet sie, ergreift meine Hand und führt mich zu der Stelle, die wir für die Aktion vorgesehen haben. Wacklig folge ich ihr. Die Musik erscheint mir plötzlich furchtbar laut. Ich höre so viele Stimmen und frage mich, ob mich die Leute schon jetzt neugierig mustern. Nur mit Mühe kann ich unterdrücken, dass meine Zähne hemmungslos aufeinanderschlagen. Dafür überzieht eine mächtige Gänsehaut meinen Körper.
„Wir sind da.“ Ella schlingt ihre Arme um meinen Hals. „Du wirst sehen, das wird ganz wunderbar“, flüstert sie mir ins Ohr. „ Ich hänge dir jetzt das Schild um und dann verschwinde ich.“
„Okay“, antworte ich krächzend und kann vor Panik kaum noch atmen. Ich spüre die Kordel auf der nackten Haut am Hals, habe den Eindruck, dass das dünne Pappschild mit der Botschaft „Ich bin HIV-Positiv. Würdest du mich umarmen?“ meinen Brustkorb zerquetscht. Elle fummelt noch einmal am Schal. Ich breite die Arme aus, versuche einigermaßen lässig auszusehen und einen festen Stand einzunehmen.
„Es geht los“, sagt sie. Überdeutlich höre ich ihre, sich entfernenden Schritte auf den Pflastersteinen.


Kommentare:

  1. Wow. Ich bin platt. Nicht nur wegen der Einführung, sondern auch wegen dem ersten Häppchen. Die Geschichte wird der absolute Hammer 😍 Das hab ich im Gefühl. Ich werde Sie lieben! Ich finde echt schlimm was ich da oben in der Einführung lesen müsste. Ich selber kenne (bewusst) keinen HIV Träger, aber ich kann mir nicht vorstellen ihn aufgrund dessen plötzlich zu meiden. Schließlich ist er/sie nicht ansteckend. Was ich heute erfahren habe ist, das Sex mittlerweile, wohl mit der richtigen Behandlung,ohne Kondom möglich ist. Das wusste ich nicht. Das finde ich Klasse!!! Der Name des jungen Mannes würde noch nicht genannt, oder hab ich da was wichtiges in der Aufregung überlesen? Na warscheinlich stellt er sich Morgen vor. Ich würde ihn nicht einfach "nur" umarmen. Ich würde ihn knuddeln ❤️

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Karo,
    ich finde es toll, dass dir dieses Thema so viel bedeutet und ich glaube du hast einige von uns dafür deutlich sensibilisiert. Bei mir hast du es jedenfalls geschafft.
    Auf deinen Adventskalender habe ich mich so sehr gefreut, denn er ist einer der Lichtblicke im sonst oft so stressigen Dezember. Danke schon mal dafür und ich will wissen wie es weitergeht.
    LG Bianca

    AntwortenLöschen
  3. Wirklich mutig, mit diesem Schild in der Öffentlichkeit zu stehen. Und das auch noch blind.
    Du hast seine Ängste und Sorgen wirklich gut rüber gebracht. Ich bin grade selbst zappelig und fürchte um ihn.
    LG Bri

    AntwortenLöschen
  4. Hey, mir ist gerade aufgefalen, dass heute die Adventskalendersaison losgeht. Und in meinem Browser waren noch Links zu deinen Kalendern der letzten Jahre gespeichert, also bin ich hier gelandet. Und ich bin froh darum, sonst hätte ich verpasst was sich nach einer schönen Geschichte anliest. Außer sie wäre irgendwann auch bei FF.de gelandet ;)
    Jetzt werde ich mir auf alle Fälle merken, dass ich hier in den nächsten Tagen regelmäßig vorbei schauen sollte.
    Ich habe den Eindruck, dass ich schon ziemlich gut über den aktuellen Stand der HIV Behandlungen aufgeklärt war, zumindest mehr als die Einleitung es darstellt. Da hat das lesen von Gay Romance Stories ja auch eine bildende Komponente ;D
    Im Ernst, ich bin froh, dass du und andere AutorInnen ihre Plattform nutzen und auch dieses Thema aufgreifen. Denn sonst ist mir das Thema außer den Werbeplakaten an Bushaltestellen auch noch nicht wirklich begegnet.
    LG Jana

    AntwortenLöschen
  5. Wow wieder klasse ❤️Find toll das Du das Thema nicht unter den Tosch kehrtet . Finde es schade das es immer Tod geschwiegen wird. Und deine Häppchen liebe ich
    Lg Ines

    AntwortenLöschen
  6. Ich hatte auf einen Adventskalender von Dir gehofft und gleich dieser tolle Einstieg. Hoffentlich sind die Erfahrungen positiv und nicht lauter Deppen auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs.
    LG Micha

    AntwortenLöschen